80 Jahre Kindertransporte im dritten Reich – Filmemacher Ethan Bensinger aus Chicago zu Besuch an der Prälat-Diehl-Schule

Zum zweiten Mal nach 2016 besuchte Filmemacher Ethan Bensinger aus Chicago auf Einladung der Fachschaft Geschichte und der Initiative von Fachbereichsleiter Christian Elbert die Prälat-Diehl-Schule, um Schülern der 9. und 12. Klassen seinen im Jahr 2007 entstandenen Film „Refuge“ vorzuführen und anschließend in ein Gespräch über das Gesehene und seine eigene Lebensgeschichte einzutreten.

Anlässlich der 80. Wiederkehr der „Kindertransporte“ jüdischer Kinder aus Deutschland heraus im Jahr 1938 und den Erfahrungen der „Reichskristallnacht“, konnten sich die Schülerinnen und Schüler ein Bild der Schicksale damaliger Familien und, im Betrachten von Bensingers Film, vor allem der Situation Überlebender des Holocaust machen.

„Refuge“ zeigt zunächst die Geschichte des ‚Selfhelp‘-Home in Chicago, eines Wohnheims, das nach dem zweiten Weltkrieg von jüdischen Bürgern Chicagos initiiert wurde, um der Elterngeneration nach den Erfahrungen von Flucht oder Vertreibung im Alter ein würdiges Leben zu ermöglichen und mit den gemachten Erfahrungen nicht allein gelassen zu werden.

In sehr ergreifender Weise führt Bensinger in seiner filmischen Darstellung dabei die verschiedenen Wege und persönlich sehr verschiedenen Erfahrungen des Auseinanderbrechens, aber teilweise auch wieder Zusammenkommens von Familien in und nach der Zeit des Nationalsozialismus vor. Der Film zeigt dabei ebenso das Bewältigen der Vergangenheit in der Arbeit für andere Verfolgte, wie die Verarbeitung des Grauens in der kreativen Betätigung – das Malen wird einer Bewohnerin des Selfhelp-Home zufolge zur Katharsis-Erfahrung, die ein Weiterleben möglich macht. Das Wohnheim wird demnach gleichermaßen zum Refugium, wie auch in der sinnhaften Betätigung zum neuen Lebenszweck.

Auf eine besondere Art bewegend ist dabei die Eröffnung des Films, die zeigt, wie trotz aller negativen Erfahrungen die Bindung zur eigenen Tradition und zur Vergangenheit in Deutschland das Bewusstsein der Überlebenden des Holocaust immer noch prägt. Wenn in „gemütlicher“ Kaffeerunde auf Deutsch das Lied „Du liegst mir am Herzen“ angestimmt wird und die zentrale Textzeile „Dass uns die Liebe vereint“erklingt, dann ist dies gleichsam ein Verweis auf etwas, dass das Leben und Überleben an dieser Stelle als grundlegendes Weltverständnis prägt. Die Erfahrung eines als urdeutsch angesehenen Wertes wie der „Gemütlichkeit“ für das wirkliche Zuhause Sein in der neuen Heimat aus dem Bewusstsein derjenigen wahrzunehmen, die daraus vertrieben worden sind, ist an dieser Stelle gewissermaßen symbolisch für die Überwindung der Grauen des Nationalsozialismusdurch die Überlebenden.

Im anschließenden Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern berichtete Ethan Bensinger auch von seinen eigenen familiären Erfahrungen des Aufwachsens nach dem zweiten Weltkrieg und seinem Weg in die USA aus dem Geburtsland Palästina heraus, durchaus auch vom stellenweise schwierigen Umgang mit der deutschen Vergangenheit im Berufsleben als junger Anwalt, gleichzeitig konnten die Fragenden aber auch von ihm hören, wie er eigentlich zum Thema seines Films gekommen war, nämlich im Kennenlernen der Geschichte des Holocaust mit den Bewohnern des Selfhelp-Home beim „Kaffeeklatsch“.

Wie intensiv die Erfahrung der Thematik für die Schülerinnen und Schüler war, lässt sich an der Stille während der Filmvorführung ablesen und sicherlich auch daran, dass man anhand ihrer Fragen an Ethan Bensinger das Bewusstsein erkennen konnte, dass sie die vorgeführten Schicksale bewegt haben. Dazu gehört auch, dass durchaus einige von ihnen die besondere Möglichkeit genutzt haben, nach der Vorführung mit dem Regisseur in ein persönliches Gespräch eintreten zu können. Diese nicht alltägliche und besondere Art der Geschichtserfahrung spiegelte sich ebenfalls in sehr regen und engagierten Gesprächen im anschließenden Unterricht wider.