Veränderungen im Kollegium

„Alles fließt“ – das wussten schon die alten Griechen, und auch das Kollegium der PDS war immer in Bewegung: Seit ich vor 23 Jahren an der PDS begonnen habe, gab es nie eine Überalterung, nie eine Erstarrung in den pädagogischen Ideen, die das schulische Leben so vielfältig und prägend machen können. Mittlerweile sind von dem Stamm der im Schnitt rund 90 Lehrenden, die ich als Berufsanfängerin Mitte der Neunziger in den Lehrerzimmern, auf den Gängen, in den Klassenzimmern angetroffen habe, nur noch zwölf im aktiven Dienst. Junge KollegInnen bringen frischen Wind, aber manchmal gilt es auch, bewährte Einrichtungen fortzuführen: Erinnert sei an die Big Band, von Siegfried Dittmann ins Leben gerufen: Kollege im Ruhestand. An die Bücherinsel, die Martin Bunese über Jahrzehnte betreut und in ihrer heutigen einladenden Form miterdacht hat. Kollege im Ruhestand. An die Ausbildungsbörse, von Walter Wilfer über die PDS hinaus wirkend geplant und zur Institution gemacht. Kollege im Ruhestand. Und das sind nur Pensionierungsbeispiele aus den letzten zwei, drei Jahren; alle, die ich nicht genannt habe und die die PDS doch auf ihre Weise geprägt haben, mögen mir verzeihen – die Liste würde zu lang.

160 Jahre Berufserfahrung

Auch das neue Schuljahr beginnt mit dem Fehlen von vier „Schwergewichten“, die zusammen fast 160 Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Dabei finden sich zwei Namen, mit denen jeder Oberstufenschüler, jede Oberstufenschülerin der letzten Jahrzehnte etwas anfangen kann (denn als Schüler lernt man ja oft nur Bruchteile eines Lehrerkollegiums kennen): Zipf und Stein.

Zum Ehepaar Zipf

Elke Zipf war seit 1995 Leiterin des Fachbereichs III (Nawis, Mathe, Informatik) und damit für die ersten Jahre einziges weibliches Mitglied im Schulleitungsteam. Sie startete die Karriere in ihrem Traumberuf 1979 an der PDS, nachdem sie im Studium in ihren Fächern Mathematik und Physik von ihren durchweg männlichen Professoren genauso gefördert wurde wie die männlichen Studenten. Die Begeisterung für ihre Fächer zu wecken, insbesondere bei Mädchen, aber auch Geschlechtergerechtigkeit sind Ziele, die sie umgetrieben haben. So haben seit 24 Jahren alle, die die Mittelstufe an der PDS absolviert haben, an dem jährlich stattfindenden Projekttag „Mädchen-Junge/Frau-Mann“ zu Geschlechterrollen und den Einflüssen auf das Rollenverhalten teilgenommen (vgl. Beitrag auf der Homepage). Immer wurde dabei auch ein Projekt für Mädchen in Kooperation mit der TU Darmstadt angeboten, um sie besser an Physik heranzuführen.

Mit Wolfgang Zipf, der wie sie 1979 an der PDS begonnen hat und nun ebenfalls in den Ruhestand geht, konnte sie sich alle familiären Aufgaben teilen – für beide auch ein Grund, Lehrer/-in zu werden. Sie haben gemeinsam studiert, zwei Töchter bekommen und um weiter arbeiten zu können, mit anderen Kolleginnen und Kollegen eine Krabbelstube an der PDS gegründet und eine Betreuungskraft eingestellt. Er hat dafür auf seine Promotion in Physik verzichtet, sie in den ersten Jahren mit nur geringfügig reduzierter Stelle gearbeitet.

Er hat über Jahrzehnte akribisch die Physiksammlung geleitet, sodass – unfassbar eigentlich – alle Geräte gut gewartet und funktionstüchtig waren (notfalls selbst repariert), und war dazu auch noch fast zwanzig Jahre für die Datenerfassung (Noteneingabe, Zeugnisdruck etc.) zuständig. Eine Sisyphusarbeit, alle technischen und organisatorischen Neuerungen umzusetzen und dem Kollegium mit viel Geduld und Hilfsbereitschaft nahezubringen!

Der Schülerschaft dürfte er allerdings auch durch seine Ansprüche ans Tafelwischen im Gedächtnis bleiben – hat er doch eine Technik entwickelt, die Tafel schleierfrei zu putzen und diese nicht nur seinen Klassen, sondern auch seinen Fachkolleg/-innen eingeimpft – an der PDS wird auch in kommenden Jahren noch die Tafel nicht gewischt, sondern gezipft… Einer der vielen Beweise, dass er Autorität und Schülernähe problemlos miteinander verbinden konnte.

Er und Elke Zipf waren zudem maßgeblich an der Planung des naturwissenschaftlichen Traktes der neuen Oberstufe in der Sudetenstraße im Bauausschuss beteiligt, ebenso an der Durchführung des anstrengenden Umzugs der großen physikalischen Sammlung, und haben sich gefreut, die hervorragende Ausstattung der neuen Physikräume noch vier Jahre lang nutzen zu können. Hier wie auch bei ihren anderen Aktivitäten für „ihre“ Schule bewies Elke Zipf langfristiges Planen und die nötige Ausdauer und Entschlossenheit:

Sie war lange Zeit Mitglied im Vorstand des Fördervereins der PDS, Mitglied der Schulkonferenz und hat darüber hinaus vieles angestoßen, was z.T. bis heute noch umgesetzt wird – gesunde Ernährung an der Schule, Mülltrennung, Wohlfühlzonen mit Bepflanzung in der Pausenhalle; dazu der alljährliche Mathematik-Wettbewerb für die Klassen 10, der von den Leistungskursen Mathematik seit 1995 ausgearbeitet und korrigiert wird.

Wie der Projekttag zum Rollenverhalten war es ihr aber auch ein Herzensanliegen, Schülerinnen und Schülern aufzuzeigen, dass die Physik der Atom-/Kernspaltung zwar hochinteressant und spannend ist, aber enorme politische Auswirkungen hat. Daraus haben sich immer wieder fächerübergreifende Projekte zu Hiroshima/Nagasaki, Tschernobyl, Fukushima und Atomkraft ergeben. Dies gipfelte in der diesjährigen Ausrichtung der von ICAN und Soka Gakai entwickelten Ausstellung, zwei Projekttagen und dem abschließenden Zeitzeugengespräch mit einer Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Nagasaki in Form einer Videokonferenzschaltung (vgl. Bericht im Echo/auf der Homepage).

Udo Stein

In Udo Stein als Lehrer für Politik und Wirtschaft (und Geschichte und Deutsch) hat sie seit 2004 den richtigen Kollegen im Schulleitungsteam gefunden, der genauso interessiert daran war, mit Schülerinnen und Schülern unter Beteiligung von externen Referenten diesen Themen nachzugehen.

Auch er gehört zu den nun Verabschiedeten. Und wie Elke Zipf hat er, Fachbereichsleiter für den gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenbereich, ein großes Erbe hinterlassen. Außer seinem schulinternen Engagement in den Bauausschüssen und bei Projekttagen ist er der Groß-Gerauer Öffentlichkeit sicher u.a. durch die Ausrichtung von Ausstellungen im Stadtmuseum und von Zeitzeugengesprächen bekannt geworden: Sein Ziel war es immer, mit seinen Geschichtskursen lokale Geschichte mit Leben zu füllen und mit den Ereignissen auf der großen Geschichtsbühne zu verknüpfen. (Das Echo hat darüber und über seinen Abschied von der PDS ausführlich berichtet.)

Last, but not least: Bernhard Trillig

Mathematik und Physik sind (wie beim Ehepaar Zipf) sein Metier, und wie sie ist er seit fast 40 Jahren an der PDS tätig. Die drei reißen also eine große Lücke in ihren Fachbereich, sie zu füllen wird eine anspruchsvolle Aufgabe für die Nachrückenden.

Bernhard Trillig ist im Kollegium als überaus hilfsbereiter Mensch und Streiter für das demokratische Miteinander in der Schule bekannt – über Jahre war er im schulischen Personalrat tätig und im Anschluss seit fast zwei Jahrzehnten im überörtlichen Gesamtpersonalrat. Er hatte als GEW-Mitglied immer ein Auge auf alle schulpolitischen Entwicklungen und hat maßgeblich zur Information und Meinungsbildung im Kollegium, aber auch zur Durchsetzung von Schülerrechten beigetragen – durchaus kontrovers und mit Nachdruck, aber immer fair und sachlich.

Dazu gehört auch, dass er quasi von der ersten Stunde an bei der Entwicklung des Schulprogramms dabei war, das er bis jetzt in allen Überarbeitungen begleitet hat.

Es bleibt zu hoffen, dass das Kollegium den Wert dieser Teilhabemöglichkeiten weiterhin schätzt und nutzt.

Zum Schluss

Allen vier künftigen Pensionären ist nur zu wünschen, dass sie sich ihre unglaubliche Energie noch lange bewahren.

Auch ich verabschiede mich nun mit diesem letzten Artikel für die Homepage, um in den nächsten Jahren eine Aufgabe im Schulamt zu übernehmen.

Heike Mohr